Australien 2001




Sydney - Darwin (6876 km)

Sydney - Blue Mountains - Wilsons Promontory - Great Ocean Road - Mt. Gambier - Adelaide - Flinders Ranges NP - Pt. Augusta - Cooper Pedy - Uluru - Alice Springs - West Macdonell Ranges - Devil's Marbles - Mataranka - Katherine Gorge - Edith Falls - Litchfield NP - Darwin

Routenverlauf bei Google-Maps

Der Verlauf wird auf der Karte nur ungefähr widergegeben (Routenplanung für Auto), da ich mit dem Rad natürlich Nebenstraßen gefahren bin. Dies ist auch der Grund für die Abweichung in der Gesamt-Kilometerangabe.




Australien war für mich eigentlich nie so wirklich interessant. Und alle die, die mich nach meinen Neuseeland-Aufenthalten fragten, wie es denn in Australien gewesen sei, mußte ich mit dem Verweis enttäuschen, dass ich eben in Neuseeland und nicht Australien war. Für die meisten ist das fast das Gleiche, zumal die relative Entfernung von Deutschland aus gesehen ja eher marginal ist.
Doch es gibt große Unterschiede zwischen Neuseeland und Australien, zwischen den 'Kiwis' und den 'Aussies'. Und ich entdeckte mein Interesse zu Australien erst im Laufe der Zeit. Während ich bei meinem ersten Neuseeland-Aufenthalt sowieso 'keinen Bock' auf Australien hatte, so hatte ich während meines zweiten Aufenthalts dort unten leider keine Zeit. Und so mußte/wollte ich mir dieses Land in einer neuen Operation mit dem Rad genauer anschauen.
Die Bilder die ich vorher gesehen hatte, begeisterten mich, und ich war fasziniert von der Weite, die dieses Land ausstrahlt. Daher war für mich schnell klar, dass das meine nächste Expedition werden würde. Ich nutzte den freien Zeitraum zwischen Studienabschluß und Berufsanfang, um das zu realisieren.

In Freiburg hatte es geschneit. Ich schob mein notdürftig verpacktes Liegerad mit dem Packsack, in dem meine Taschen verstaut waren, durch den Schnee zum nächsten Bahnhof. Dieser war zum Glück nur wenige Gehminuten von meinem zu Hause entfernt. Der Zug hatte obligatorisch Verspätung, so dass das Umsteigen am Hauptbahnhof zur echten Schufterei wurde. Doch ich erwischte den Zug, kam somit auch rechtzeitig in Frankfurt am Flughafen an und checkte ein. Die ersten 10 Stunden nach Bangkok vergingen für mich im wahrsten Sinne wie im Flug.
Startpunkt in Sydney

Dort nutzte ich den Tankzwischenstop, um mich ein wenig frisch zu machen und mir die Beine zu vertreten. Das Lufthafengebäude war zwar klimatisiert, jedoch merkte man deutlich den klimatischen Unterschied. In der Rampe vom Flieger zum Flughafengebäude kam es mir vor wie in einer Waschküche. Dieser starke und schnelle Klimawechsel, der mich auch noch mal auf Bali erwischen sollte, führte bei mir kurzerhand zu einer Erkältung. Es brauchte noch ein paar Tage, bis ich wieder ganz kuriert war. Mittlerweile aber hatte ich Sydney schon längst verlassen, war in den Blue Mountains unterwegs gewesen und hatte dort zwei Nächte in Katoomba in einem Hostel verbracht. Und das nur, um auf besseres Wetter zu hoffen. Doch es machte in keinster Weise den Anschein, als wollte sich das Wetter ändern, und so beschloß ich einfach weiter zu fahren, um nicht zu viel Zeit zu verlieren. Ich hatte mich zudem immer noch nicht entschieden, auf welchem Wege ich letztendlich nach Darwin gelangen wollte. Es gab für mich zwei Möglichkeiten: 1) Entlang der Gold Coast zunächst nach Norden bis nach Cairns und dann über Mt Isa ins Outback bis nach Katherine und Darwin hoch. 2) Ich könnte auch die Südostküsten-Route nehmen, über Melbourne, Adelaide, Pt. Augusta und dann den Stuart Highway bis nach Darwin.

Dass ich mich für Zweiteres entschieden hatte, lag daran, dass ich 'rechtzeitig' von massiven Überflutungen im Nordosten von New South Wales gehört hatte. Es waren genau die Straßen betroffen, auf denen ich fahren wollte. Zugegeben, die Überflutungen wären wahrscheinlich schon wieder passé gewesen, wenn ich erst mal dort angekommen wäre. Doch ich wollte kein Risiko eingehen, und so entschloss ich mich doch noch umzukehren, nachdem ich schon einen halben Tag von den Blue Mountains aus Richtung Norden gefahren war.
Blick auf die Great Dividing Range

Es regnete wieder in Strömen und ich fragte einfach bei einem Haus an, ob ich nicht dort für eine Nacht mein Zelt aufschlagen könnte. Die etwas ältere Dame zögerte nicht lange und bot mir hinterm Haus eine Bleibe in einem Schuppen an, der zugegebenermaßen ein wenig siffig, mir aber immer noch lieber als Auf- und Abbau des Zeltes im Regen war.
Sie ließ es sich auch nicht nehmen, mich ausgiebig mit kulinarischen Köstlichkeiten, wie z.B. selbstgebackenen Scones mit Butter und Aprikosenmarmelade zu verwöhnen. Kurz darauf kam ein reichhaltiges Abendessen, bei dem es mir mehr als peinlich war, aufgrund des überfüllten Magens, etwas zurücklassen zu müssen. Aber ich hatte mir die Portion auch nicht ausgesucht ;-) Sie hatte es nur gut gemeint und wahrscheinlich gedacht: "Der Junge muß doch was essen. Der fällt mir sonst vom Fleisch."

Übernachten tat ich in der Regel bei privaten Leute. Meistens ergab sich 'automatisch' eine Gelegenheit, für einen kleinen Platz für mein Zelt und eine warme Dusche. Endweder dadurch, dass ich direkt bei einer Farm anfragte, oder sich ein Gespräch wiedermal über mein Liegerad entwickelte. Zum Teil wurden mir quasi luxeriöse Unterkünfte angeboten, die ich selbstredend dankend annahm. Bis auf eine einzige Ausnahme stieß ich immer auf eine herzliche Gastfreundschaft. Das tat mir sehr gut. Und auf diese Art und Weise lernte ich auch die Australier 'direkt' kennen.
Oft geht es kilometerlang durch dichten Eukalyptus-Wald

In Wollongong erlebte ich einer der schönsten Gesten während meiner gesamten Tour. Als ich nach einem ausgiebigen Einkauf aus dem Supermarkt kam, fand ich zwei Blumen auf meinem Schalensitz. Leider war keine weitere Notiz dabei. Ich hätte mich gerne bedankt. Auf jeden Fall fanden die beiden Blumen einen Platz an meiner Federgabel, wo sie mich noch eine ganze Weile lang begleiten sollten. 
Die ersten paar Hundert Kilometer zwischen Sydney und der Great Ocean Raod waren recht anstrengend, weil es entlang der Küstenstraße Richtung Süden ständig bergauf- und ab ging. Es machte mich im wahrsten Sinne des Wortes fertig. Es ging mir nicht nur auf die Nerven, sondern machte sich zunehmend auch in meinen Knien bemerkbar. Ich hatte die Umstellung auf's Liegerad unterschätzt. Und wenn ich das gewußt hätte, hätte ich mein 'normales' Rad mitgenommen. Meine Gedanken drehten sich nun mehr und mehr um dieses Problem - "Nun gut, da muß ich jetzt durch. Das heißt, muß ich das wirklich? Warum mache ich diese Tour? Warum Australien? Warum mit dem Liegerad? Warum setze ich mich nicht einfach in den nächsten Bus und fahre nach Melbourne? Von dort könnte ich zur Not nach Hause fliegen. Außerdem kotzen mich diese schlechten Straßen an. Der 'Asphalt' ist so rauh; das kostet zusätzlich Kraft. Na ja, zum Glück bläst der starke Wind aus Nord/Nord-Ost. Sonst würde ich mich wahrscheinlich wirklich in den Bus setzen. Zur Zeit macht's halt keinen Spaß mehr! Und das schon nach 1 Woche!"

Erst angekündigt... ...dann sogar auch gesehen ;o)

Mittlerweile war ich auf der Wilsons Promontory angekommen. Auf dem Weg hierhin hatte ich meinen ersten Koala gesehen. Auch ein Echidna begegnete mir am Straßenrand. Beim Vorbeifahren bemerkte ich aus dem Augenwinkel zunächst nur, wie sich etwas sehr schnell zusammenzog. Ich hielt an und ging ein paar Schritte zurück. Nachdem ich ein paar Sekunden gewartet hatte, kam der stachelige Zeitgenosse aus seiner Schutzhaltung heraus und ging seiner Beschäftigung, dem Insektenaufstöbern, nach.
Auf dem Campingplatz von Tidal River gab es eine Menge der Rainbow Lorkeets. Diese 'pussierlichen' Vögel (wie Heinz Sielmann sagen würde) hatten sich mittlerweile so an die Menschen dort gewöhnt, dass es sich einer sogar nicht nehmen ließ, mir auf die Schulter zu hüpfen und dort auch erst mal ungeachtet jeder weiteren Bewegung zu verharren. Und das, obwohl ich ihm noch nicht mal Futter angeboten hatte, was ich sowieso nicht getan hätte. Am Abend, ich lag schon im Schlafsack, döste ich noch etwas vor mich hin. Plötzlich sah ich im Schatten der Duschblock-Beleuchtung ein riesiges Etwas direkt vor meinem Zelt lang trotten. Ein Hund war es nicht; die Silhouette hätte anders ausgesehen. Erst beim zweiten Nachdenken kam ich drauf, was es nur gewesen sein konnte - ein Wombat.

Rainbow Lorikeet Küste an der Wilsons Promontory

Die Knieschmerzen im rechten Knie wurden permanent schlimmer. Ich versuchte das rechte Bein weniger zu belasten und dafür mehr mit dem linken zu treten. Dies hatte eine Sehnenreizung im linken hinteren Knie- und Wadenbereich zur Folge. Das sollte es also gewesen sein!? Ich war am Ende. Fahren ging nur noch unter starken Schmerzen. Das Wetter war alles andere als australisch. Ich hatte Mühe, meine Sachen trocken zu bekommen, da die Sonne nie länger als 1 - 2 Tage am Stück schien.
So eine Radtour abzubrechen, ist eine Sache. Die Gründe für solch eine Entscheidung eine andere. Was mich am meisten fertig machte, war, dass ich mich auf diese Reise so gefreut hatte und die ich auch urlaubstechnisch gesehen bitter nötig hatte. Unter Tränen machte ich mich auf den Weg nach Melbourne. Diese Stadt wollte ich eigentlich auslassen. Jedoch wer nicht an Wunder glaubt, wird jetzt eines besseren belehrt. Denn genau am nächsten Tag, nachdem ich am Vorabend diese Entscheidung des Aufgebens getroffen hatte, ging es wieder deutlich besser. Ich hatte zwar noch Schmerzen, aber nicht mehr so stark. Und so änderte ich meine Pläne in der Art, dass ich zunächst zur Great Ocean Road fahren wollte und von dort gegebenenfalls immer noch zurück nach Melbourne fahren könnte.
Ich hatte selten das Eingreifen Gottes so konkret erfahren. Er verlangte einfach nur mein Vertrauen. Was blieb mir anderes übrig, als es ihm zu geben? Und es sollte sich lohnen. Nach zwei Fährfahrten kam ich in Queenscliffe an. Es war schon früher Abend. In diesem kleinen Ort war es schon relativ ruhig. Ich kam an einer Schule vorbei, die mit viel Rasenfläche umgeben war. Erst zögerlich, dann doch fest entschlossen steuerte ich das Rad zielstrebig auf das nächste Gebäude zu, an dem eine Tür offen stand. Es mußte hier noch jemand sein, den ich um Erlaubnis fragen könnte, hier direkt für eine Nacht mein Zelt aufschlagen zu dürfen. Ich traf zwei Männer an, schilderte ihnen mein Anliegen. Wenn es mir nichts ausmachen würde, dass ich am nächsten Morgen mit Schulbetrieb rechnen müsste, könnte ich da bleiben, war die Antwort. Anschließend meinte Phil, der eine von beiden, jedoch, dass ich auch mit zu ihm nach Hause kommen könnte. Er hätte reichlich Platz. Dieses Angebot ließ ich mir natürlich nicht entgehen.
Das Rad wurde hinten auf den Pick-Up verladen. Ich wurde herzlich willkomen geheißen und auch wieder zum Abendessen eingeladen. Phil's Frau, Barbara war Physiothrapeutin, und sie bot mir an, am nächsten Morgen mit in ihre Praxis zu kommen. Sie würde sich dort mein Knie mal anschauen. So viel angenehme 'Zufälle' sind keine! Ich schöpfte wieder neuen Mut und Hoffnung, die Tour fortsetzen zu können. Dies nahm ich dankend an. Sie empfahl mir, meine Kniescheibe zu tapen. Für kurze Zeit brachte dies auch wirklich während des Fahrens Linderung. Und es hätte wahrscheinlich länger angehalten, wenn die Tapes sich nicht immer wieder gelöst hätten. Aber mit hohen Trittfrequenzen kurbelte ich erst mal 'gemütlich' weiter.

Die "12 Apostel" 'älteres' Haus bei Beachport

Die weiteren Tage sollten nach wie vor keine Wetterbesserung bringen. Böiger Wind, immer wieder Regenschauer oder auch länger andauernder Regen und Temperaturen um 16 °C ließen in mir nicht wirklich den Eindruck reifen, ich sei in Australien. Voller Spannung erwartete ich die Landschaft entlang der Great Ocean Road. Doch ich muss sagen, dass dieser Küstenabschnitt sicherlich seine Reize hat, aber nach meiner Meinung nach mit der USA-Westküste oder aber auch der neuseeländischen Südinsel-Westküstenstraße nicht mithalten kann. Ich empfand die Landschaft als nicht 'rauh' genug. Zu viele Zeichen menschlicher Zivilisation, wie z.B. Vieh-Wirtschaft störten das von mir erhoffte Bild dieses Küstenstreifens.
Und so kurbelte ich zielstrebig auf das nächste Ziel zu: die sogenannten "12 Apostel". Hierbei handelt es sich um große Sandsteinfelsen, die letztendlich nur Reste der ursprünglichen Küstenlinie sind. Diese wurde jedoch durch die Gezeiten und die Witterung permanent neuen Veränderungen ausgesetzt, so dass die Felsen nun wie 'abgestellt' aussehen. Der weitere Weg führte mich über den Princess Highway an dem einen oder anderen Hafenort direkt nach South Australia. Immer wieder musste ich mir abends auf den Campingplätzen die gleichen Fragen nach dem woher und wohin gefallen lassen. Doch vor allen Dingen die Fragerei nach meinem Liegerad schien kein Ende zu nehmen. Und als ich noch zusätzlich erwähnte, dass ich nach Darwin wollte, hefteten die meisten komplett ab. Zum Teil ging dies soweit, dass immer wieder versucht wurde, mir eindrücklich zu vermitteln, dass das Outback ja so 'gefährlich' ist. Mir ging es zunehmend auf den Pinsel, und so entschloss ich mich, in Zukunft zumindest die Sache mit Darwin nicht mehr zu erwähnen. Ich wusste, dass es andere Radfahrer geschafft hatten, und ich war mir sicher, dass ich es auch schaffen würde. Und ich hatte einfach keine Lust, mir die Vorfreude und auch die gespannte Erwartung durch 'Panikmache' verderben zu lassen.

Mit dem Tag, als ich nach South Australia reinfuhr, wurde insgesamt das Wetter auch schlagartig besser. Bis auf einen Tag, an dem es noch mal etwas tröpfeln sollte, hatte ich bis zu meinem Abflug in Darwin nur noch Sonne satt! Das waren Bedingungen ganz nach meinem Geschmack. Entlang der Küste fuhr ich weiter nordwärts Richtung Adelaide, wo ich nur wenige Tage blieb. Dort lernte ich Bernhard aus Beckum kennen, der den gleichen Weg vor sich hatte, wie ich. Und so beschlossen wir kurzum, gemeinsam aus Adelaide rauszufahren und die nächsten drei Tage die weiteren Kilometer gemeinsam hinter uns zu lassen.
Mit "Kette rechts" ins Outback...

Es war eine tolle Gemeinschaft und wir hatten eine Menge Spaß zusammen. Kurz vor den Flinders Ranges National Park trennten sich unsere Wege, da er sich dort selbst nicht so lange aufhalten wollte. Ich selbst machte mich auf den Weg dorthin - im Prinzip ein Umweg von 250 km. Dass diese Distanz im Outback 'nichts' ist, sollte ich noch konkreter erfahren.

In Wilpena lernte ich Guy und Pippa aus England kennen. Diese beiden waren mit einem Landrover von England bis nach Australien gefahren (ab Indien fuhr das Auto per Schiff). Nachdem sie in Brisbane ihren AIP gemacht hatten, reisten sie nun noch für ein Jahr durch Australien. Dieses junge Paar strahlte eine Freundlichkeit aus, die mich begeisterte. Die Straßen im National Park waren alle durchweg geschottert - für das Liegerad also denkbar ungeeignet. Guy fackelte nicht lange und bot mir an, sein Mountain Bike zu benutzen.
...und nicht vor den Baum.

Am darauf folgenden Tag wollte ich so gerne auf den St. Mary Peak steigen. Eine kleinere Bergtour, die dennoch richtiges Schuhwerk erforderte. Auch hier durfte ich wieder mit Guy's Unterstützung rechnen. Wir verbrachten schöne Stunden am abendlichen Lagerfeuer. Und als 'Dankeschön' brachte ich ihnen bei, wie man Stockbrot macht. Das kannten die beiden nicht. Guy und Pippa sollte ich später noch wiedersehen - genau wie Bernhard. Den gleichen Weg zurück vom Flinders Range NP wollte ich mir mit dem Rad ersparen. Und so nahm ich den Bus zurück nach Quorn. Von dort fuhr ich noch nach Port Augusta, was ich in der letzten Dämmerung erreichte. Ich musste noch einkaufen, bevor es am nächsten Tag ins Outback gehen sollte. Zudem standen die Osterfeiertage vor der Tür. Daher war an Einkaufen am nächsten Tag nicht zu denken.

im Flinders Ranges National Park Blick auf die Flinders Ranges vom St. Mary Peak

Etwas nervös war ich schon. Ich hatte keine Ahnung, was mich letztendlich erwarten würde. Unter Outback stellte ich mir vor allen Dingen 'endlose'Weiten vor, Wüste, hin und wieder ein Rastplatz und nur spärliche Verpflegung. Ich hatte Vorräte für ca. eine Woche eingekauft. Bis Cooper Pedy sollten diese auf alle Fälle reichen. Dort, so wußte ich, gab es den nächsten Supermarkt. Doch eigentlich noch wichtiger als die 'festen' Vorräte war das Wasser. Ich hatte mir extra vor der Tour einen 10-Liter Wassersack besorgt. Der musste nun herhalten. Diesen füllte ich neben allen meinen Flaschen und einen weiteren 2,5-Liter Sack komplett auf.

Wenn ich gewußt hätte, dass die Wasserversorgung entlang des Stuart Highways durch das Outback 'so gut' ist, hätte ich mir dieses zusätzliche Gewicht sicherlich gespart. Es stellte sich heraus, dass ich in relativ bequemen Abständen immer wieder an einem Rastplatz mit einem Wassertank, oder eben einem sogenannten Roadhouse vorbeikam. In Adelaide hatte ich mir bei einem Fahrrad-Club noch eine Auflistung der Wasserstellen entlang des Stuart Highways besorgt.
Im Outback muss man sich an andere Entfernungen gewöhnen.

Dieser Wisch sollte sich als goldwert erweisen. Auch wenn die eine oder andere Angabe nicht ganz korrekt war, so konnte man sich insgesamt dennoch darauf verlassen. Abweichungen waren in der Regel nicht nachteilig. Abweichungen durften sich auch nicht die gefürchteten Road-Trains erlauben. Diese motorisierten Monster mit einem Gewicht von bis zu 120 Tonnen heizen mit 100 km/h an einem vorbei. Wenn dann während des Überholvorgangs auch noch Gegenverkehr kommt, dann wird es eng. Bernhard kam mit der Feststellung über den Berg, dass bei den Road-Train-Fahrern das Gaspedal wohl nach dem binären System funktionieren muss: '0' oder '1'. Etwas anderes scheint nicht möglich zu sein. Bleifuß oder Stillstand. Jedoch habe ich die Road-Train-Fahrer stets als deutlich rücksichtsvoller empfunden als so manchen Ford-Falcon-Fahrer. Letztere schießen mit noch deutlich höhren Geschwindigkeiten und geringeren Abständen an einem vorbei.

Und wo wir gerade bei den motorisierten Zeitgenossen des Outbacks sind: den Vogel schießen so manche Experten der Aborigines ab. Die sind häufig mit ihrer halben Sippschaft in einem Auto unterwegs. Nicht selten werden da 3 Erwachsene und 4 Kinder in einem Wagen untergebracht. Dass der Wagen dabei halb über den Asphalt oder die Waschbrett-Piste schleift, fast auseinander fliegt und die Windschutzscheibe vorne sowieso fehlt, kümmert kaum jemanden. Hauptsache die Kiste läuft noch ihre 120 km/h.
120 t gegen 50 kg

Leider war die Straßen-Böschung des Highways häufig extrem mit Müll verdreckt. Fehlendes Umweltbewußtsein und eine entsprechende 'Egal'-Haltung führten wohl zu manch' traurigem Anblick. Tote Rinder, Känguruhs und sonstiges totes Viehzeugs war ebenso häufig anzutreffen. Die großen Rammbügel an den Road-Trains erfüllen in jedem Fall ihren Zweck. Einen Road-Train kann man von 100 km/h auf relativ kurzer Strecke genauso wenig abbremsen, wie rückwärts einparken. Zum Glück kündigte sich so ein Monstrum immer schon recht früh durch einen unüberhörbares Gebrummel an. Dann hieß es, so weit wie möglich links fahren, Lenker fester als sonst halten und eine gerade Linie fahren. Nur selten war ich gezwungen wirklich von der Straße links runter zu fahren.

Woran ich mich auch gewöhnen musste war diese wüstenähnliche Landschaft auf den ersten Kilometern durch das Outback. Ich war vorher noch nie in solch einer Gegend, und so erschien es mir doch als etwas unwirtlich. Ich musste mich selbst bewußt damit auseinandersetzen, wie ich nun mit dieser Eintönigkeit umgehen sollte. Es gab quasi nur mich, das Radfahren und die Wüste. Keine anderweitige Abwechslung.
Abenddämmerung im Outback

Langeweile wäre hier der falsche Begriff, aber was sonst auf meinen Touren automatisch ablief, musste ich mir hier bewußt vornehmen - nämlich meinen Gedanken freien Lauf lassen, mich an Situationen und Begebenheiten aus der Vergangenheit erinnern und darüber nachdenken, oder aber auch einen bereits gesehenen Film vor meinem inneren Auge wieder abspielen. Auch wenn der Stuart Highway nicht wirklich verlassen ist, so war ich auch gezwungen, mich neu mit Einsamkeit auseinander zu setzen. Sonst war ich es gewohnt, zwar auch alleine zu reisen und dementsprechend zu übernachten. Und doch waren immer irgendwo Menschen in der Nähe. Aber so ganz alleine im Outback zu übernachten..., das war schon für mich etwas anderes. Diese absolute Stille kann auch etwas Unheimliches haben. Kein Vogelgezwitscher, kein Wind, keine anderen Tiere oder Menschen, keinerlei Geräuschkulisse. Für jemanden wie mich als ‘Stadtmensch’ eine echte Herausforderung. Dies kam aber nur einmal vor. Sonst übernachtete ich bei Roadhouses auf dem jeweils angegliederten Campingplatz. Dort gab es wenigstens Duschen. Wenn ich auf einem Rastplatz campieren musste, weil das nächste Roadhouse noch zu weit weg war, baute ich mir mit meinem Wassersack eben eine eigene, improvisierte Dusche. Das muss nach einem Tag Radfahren schon sein...
Die Fliegen im Outback sind eine Pest. Mittlerweile habe ich gelernt, dass sie durchaus ihre Funktion erfüllen. Aber damals waren sie für mich extrem nervig. Wenn ich eine Rast einlegte, war es manchmal sogar nötig, das Moskitonetz anzulegen. Je weiter ich nach Norden kam, desto weniger wurden diese Viecher aber. Und sobald es dunkel wurde, waren sie ganz verschwunden.

Und immer wieder endet die Straße am Horizont...   in der Nähe vom King's Canyon

In Cooper Pedy blieb ich nicht lange. Ich machte mir ein Bild von dem Ort und den Opal-Funden, die es dort gab und gibt. Ich nutzte die Möglichkeit wieder einzukaufen und kam aufgrund des guten Rückenwindes recht zügig voran. Nächstes Ziel war der King’s Canyon und der Uluru (Ayers Rock). Da ich aber die Straße zum King’s Canyon nicht hin und wieder zurückfahren wollte, ließ ich mein Rad am Curtin Springs Roadhouse stehen und fuhr mit Gerald und Desireé (einem deutschen Päarchen) im Bulli mit. Zusammen wanderten wir durch den Canyon, von wo auch man zum Teil auch wunderbare Ausblicke ins südliche Outback hatte. Da die beiden aber dort noch länger bleiben wollten, musste ich mich am nächsten Tage nach einer anderen Mitfahrgelegenheit zurück zum Roadhouse umschauen. Nach 3 Stunden Warterei erbarmte sich schließlich Michelle, die ich am Morgen noch auf dem Campingplatz kennengelernt hatte und nahm mich mit zurück zum Roadhouse. Für sie, die sie eigentlich nach Alice Springs wollte, bedeutete dies einen Umweg von gut 100 km. So sind Australier eben...

Ayers Rock (Uluru) bei Sonnenuntergang The Olgas (Kata Tjuta)

Am Ayers Rock traf ich Guy und Pippa wieder. Wir verbrachten wieder einen geselligen und fröhlichen Abend miteinander. Ich mag die beiden...
Ich besuchte aber nicht nur den größten Monolithen der Erde, sondern stattete auch den Olgas (Kata Tjuta) einen Besuch ab. Meine Essgewohnheiten mussten sich nun langsam aber sicher wieder dem anpassen, was die Fahrradtaschen noch so hergaben. Ich bug mir mittlerweile mein Brot über und im Lagerfeuer selbst. Ich hatte mir Mehl (‘selbstgehend’) und Rosinen in Port Augusta gekauft. Zucker hatte ich sowieso dabei. Das ganze wurde mit Wasser zu einem Teig verarbeitet und gebacken. Und schon hatte ich mein ‘nahrhaftes’ Rosinenbrot.
Der Wind meinte es zur Zeit gar nicht gut mit mir. Vom Ayers Rock bis Alice Springs hatte ich fast nur Gegenwind. Auch als ich von meinem 2-tägigen Ausflug in die West McDonell Ranges zurückkehrte, blies mir der Wind entgegen. Das nervte ziemlich.

Der Himmel beginnt zu "brennen". Gebirgszug westlich von Alice Springs

Der Ausflug aber in die Ranges hatte sich wirklich gelohnt. Durch’s Hinterland von Alice Springs ging’s über einen eigens angefertigten Rad- und Wanderweg zum Simpsons Gap und zum Standley Chasm, beides sehr schöne ‘Schluchten’, die man mit einem kleinen Fußmarsch erkunden kann. Richtung Nordwesten wurden die Berge höher. Und im Süden waren tolle Strukturen in der Bergkette zu sehen. Die Nacht dort verbrachte ich auf einem halbwilden Campingplatz am Ellery Creek Hole, was nur über eine Schotterstraße zu erreichen war. Dies entschädigte mich für so manche ‘Up-and-Downs’, die dort in der Gegend wieder mehr wurden. Das Bad in dem kleinen See ersetzte die Dusche. Und nachts um 4 Uhr wurde ich durch das Heulen der Dingos geweckt, was schon ein wenig unheimlich war.
In Alice Springs traf ich Berni wieder. Mit ihm ging ich ins Kino und ‘fett’ essen. Außerdem nutzte ich natürlich die Gelegenheit, wieder richtig einzukaufen. Zudem mussten ein paar neue Fahrradschuhe her, denn die alten fingen an, in der Sohle auseinanderzubrechen. Wahrscheinlich hätten sie bis Darwin noch gehalten. Aber ich wollte kein Risiko eingehen. Problematischer stufte ich dagegen den Zustand meiner Felge im Hinterrad ein. Es bildeten sich kleine Risse um die Speichenlöcher herum aus. Die Belastung war also zu hoch. Ich reduzierte die Speichenspannung und hoffte das beste für die letzten 1500 km. Und als wenn das noch nicht reichen sollte, hatte ich mir zusätzlich einen 5 cm langen Nagel hinten reingefahren. Also war flicken angesagt. Diesbezüglich konnte und wollte ich mich aber nicht beklagen. Denn bis dahin war ich 5000 km ohne einen einzigen Platten unterwegs. 
Nördlich von Alice Springs überquerte ich den südlichen Wendekreis. Die nächsten Stationen hießen Ti Tree, Barrow Creek, Devil’s Marbles und Three Ways. In Ti Tree traf ich einen Deutschen, der mit seinem eigenen Bulli (dt. Kennzeichen) hier in Australien unterwegs war. Dies fand ich insofern erstaunlich, weil ich mir vorgestellt hatte, was es gekostet haben muss, die Karre von Deutschland hier runter zu verschiffen. Bei Fahrrädern ist das in der Regel nicht ganz so das Problem. Nach ein bißchen Recherche findet sich früher oder später eine passende Airline, die das eigene Fahrrad ‘für umme’ mitnimmt.

Genau wie der Ayers Rock gehören auch die Devil's Marbles zum Standardprogramm eines Outback-Reisenden.

Als es dunkel wurde, war im Osten der Himmel etwas erleuchtet. In der Ferne wüteten Buschfeuer, die ich die darauffolgenden Tage immer wieder zu sehen bekommen sollte. In Barrow Creek spürte ich meine Müdigkeit. Ich war von Alice Springs bis nach Ti Tree an einem Tag gefahren (ca. 190 km). Aber ich wollte den ersten guten Rückenwind seit langer Zeit wieder nutzen und Kilometer machen. Das Wasser in Barrow Creek war ziemlich eklig. Zum Duschen musste ich sogenanntes Bore Water nehmen, was an und für sich nicht das Problem war, weil es im Outback eben nicht so reichlich Frischwasser gibt. Allerdings war hier das Wasser extrem schmierig. Ich bekam meine eigene Seife kaum vom Körper runter.
Bei den Devil’s Marbles erlebte ich zum ersten Mal einen gleichzeitigen Sonnenunter- bzw. Mondaufgang. Dies verlieh der ganzen Szenerie dort zwischen den großen, übereinandergestapelten Steinkugeln eine besondere Atmosphäre. Am Horizont waren wieder die Rauchwolken der Buschfeuer zu erkennen. In Three Ways brach ich früh am Morgen auf, um so ein bißchen der Mittagshitze und dem potenziellen Gegenwind aus dem Wege zu gehen. Am Ende dieses Tage hatte ich über 220 km auf der Uhr. Es lief also ganz gut. In Elliot wurde ich gleich am Ortseingang von ziemlich aggressiven Kötern empfangen. Nachdem ich sie mit ein paar Rollsplit-Steinen (In Australien und Neuseeland besteht der Rollsplit eben nicht aus Split, sondern eben aus kleinen, kantigen Steinen! Anm. d. Autors) zurückbegrüßt hatte, verzogen sie sich langsam.
Doch dieses unfreundliche Omen sollte sich fortsetzen. Am Campingplatz wartete und suchte ich vergeblich auf den Wärter. „Nun gut,“ dachte ich, „dann such’ ich mir eben schon mal ein nettes Plätzchen.“ Ich hätte das Schild „No tents“ am Wohnmobil-Stellplatz vielleicht etwas ernster nehmen sollen. Doch der gesamte Platz war bis auf ein paar wenige Wohnmobile fast leer, und außerdem wußte ich auch nicht, wohin ich sonst hätte gehen sollen. Als ich später schon im Schlafsack lag und draußen jemand anfing, mir die Heringe vom Zelt aus dem Boden zu ziehen und auf’s Zelt einzuschlagen, wußte ich es. Beziehungsweise es sollte mir bewußt gemacht werden. 
„Ob ich lesen könnte?“ wurde ich von einem ärgerlichen Platzwart gefragt. Meine Antwort, dass ich lange auf ihn gewartet hätte und er nicht dagewesen wäre um mich einzuweisen, ließ er nicht gelten. Angeblich wollte er genau auf diesem Platz, wo ich ich nun niedergelassen hatte, ein anderes Wohnmobil stellen. Ich schaute mich noch mal neu um und sah die ganzen anderen freien Stellplätze. Eine weitere Diskussion ersparte ich mir. Ich wollte nicht riskieren, dass er mich komplett vom Platz runterschmeißt und dachte mir nur meinen Teil. Idioten hat’s halt überall. Auch in Australien. Ja gut, offiziell hätte ich dort, wo ich jetzt war nicht hin gedurft. Aber ich sah jetzt auch unter der Berücksichtigung der insgesamt zur Verfügung stehenden Platzes kein Problem darin. Ich baute halt mein Zelt wieder ab und trug es im Dunkel 50 Meter weiter neben den Spielplatz, den es hier auf dem Campingplatz gab. Hier sollte/durfte ich mich also nun niederlassen.

Auch die Hunde müssen sich auf eine lange,
eher baumlose Reise durch's Outback
einstellen (Daily's Water Pub).
In den 'Hot Springs'bei Mataranka ließ es ich wunderbar entspannen.

Schon viele Kilometer südlich vor Alice Springs wurde es zunehmend grüner und buschiger. Dies setzte sich vor allen Dingen besonders ab Renner Springs fort, von wo an man merkte, dass man immer mehr dem tropischen Norden näher kam. Doch obwohl die Vegetation deutlich interessanter war als noch zu Beginn der Tour ins Outback, war die Fahrt nach Daly Waters selbst relativ unspektakulär. Dieser Outback-Pub ist allerdings ein Original. Hier im Inneren des Pubs finden sich alle möglichen und unmöglichen Gegenstände aus aller Welt Länder: Visitenkarten, Geldscheine, Baseball-Mützen, Unterwäsche, Aufkleber - irgendwie alles, was individuell ist und sich aufhängen oder an die Wand nageln läßt. Dass sie dort keinen Nachbau der Apollo 11 Rakete hatten, war auch alles. Hier traf ich wieder Desireé und Gerald. Am Abend gaben die beiden vor der ganzen Versammlung der übrigen Gäste einen tiefen Einblick in das deutsche Liedgut. Mit dem Lied „Herzilein“ unterstrichen die beiden wahrscheinlich nur den Eindruck, den die Australier von uns deutschen sowieso schon haben ;o)

Mit dem Kanu unterwegs in der Katherine Gorge Edith Falls

Nachdem ich in Mataranka Springs mich 1,5 Stunden ausgiebig in den Pools erholt hatte, traf ich wieder auf Guy und Pippa. Und wieder wurde es ein netter und kulinarischer Abend, an dem wir uns viel unterhielten. In Katherine ließ ich mein Rad am Information-Office zurück, um mit dem Bus zur Katherine-Gorge zu fahren. Dort traf ich wieder auf Bernie und lernte zudem Alex und Irina aus Berlin (ebenfalls beide mit den Rädern unterwegs) kennen. Sie waren gemeinsam mit den Kanus in der Gorge unterwegs gewesen. Dies wollte ich am nächsten Tag auch machen und schloss mich einer kleinen Gruppe an. Es wurde ein sonniger Tag auf und in dem Wasser.

Ein 'Saltie' versteckt sich vor den neugierigen Blicken seiner Beobachter.

Mit einem Abstecher zu den Edith Falls ging es weiter nach Norden. Mein Kopf war voll mit vielen Eindrücken und Erlebnissen, so dass ich mir das Ende der Tour auch schon ein wenig herbeisehnte. Aber vorher sollte es noch in den Litchfield National Park gehen. Am Buley Rockhole ließ es sich prima entspannen und baden. Ab den Wangi Falls buchte ich eine Boots-Tour auf einem Flußzweig, der nur über eine halbstündige Busfahrt über eine rauhe Weidepiste zu erreichen war. Aber dort gab es eine Menge Wasservögel und Krokodile zu sehen. Nach weiteren Eindrücken von viel Busch und Wasserfällen ging es zurück zum Haupthighway und weiter nach Darwin. Nach knapp 7000 km erreichte ich das Ziel meiner knapp 3-monatigen Australienreise. Ich genoss ein wenig die Zivilisation, um dann aber doch den Rückflug nach Deutschland eine Woche vorzuverlegen und diese Woche auf Bali zu verbringen.

Sonnenuntergang im Litchfield National Park


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